Fernschule für Tontechnik & Musikproduktion

Stell dir vor, dein Mix ist ein Haus …

… mit drei Stockwerken und vielen Fenstern. Alle Instrumente und Gesangsstimmen deiner Mischung sind die Bewohner dieses großen Hauses, und die drei Stockwerke stehen für Bässe (Erdgeschoss), Mitten (1. OG) und Höhen (2.OG).

Natürlich haben die Hausbewohner ihre Eigenheiten und einige vielleicht auch Macken.
Es gibt laute, leise, große, kleine, nette und auch weniger nette, die man am liebsten gar nicht sieht und hört. Manche verstehen sich prächtig, andere hält man besser auf Abstand.

Wie gut, dass du derjenige bist, der in diesem Haus das Sagen hat, denn so bekommt jeder das passende Zimmer. Ohne dich würden sich womöglich alle in ein Stockwerk drängen und um ein begehrtes Appartement streiten oder versuchen, zu zehnt durch ein Fenster zu schauen.
Aber du achtest auf eine möglichst gleichmäßige Verteilung auf die einzelnen Stockwerke, wobei im mittleren Stockwerk und im oberen Stockwerk deutlich mehr Zimmer zur Verfügung stehen als im Erdgeschoss.

Die Wohnung im Zentrum deines Hauses hat einen tollen Balkon und ist deshalb sehr begehrt. Wer hier zu Hause ist, darf sich gerne etwas wichtiger fühlen. Aber Vorsicht: Der Hausfrieden ist in Gefahr, wenn neidische Mitbewohner den Balkon für ihre eigenen Zwecke nutzen wollen!

Am harmonischsten leben alle zusammen, wenn möglichst viele ein eigenes Zimmer mit Aussicht bekommen und ausreichend Platz haben, sich zu entfalten. Zwingst du zu viele in einen Raum, dann ist der Stress vorprogrammiert.

Das gilt insbesondere fürs Erdgeschoss. In diesem Bereich wohnen die Dicken – wahrscheinlich, um sich die anstrengenden Treppen zu sparen. Jeder dieser gewichtigen Mitbewohner braucht viel Platz um sich herum, und es gibt hier nur ein einziges Fenster in der Mitte – deshalb hast du immer ein Auge (Ohr) darauf, hier nur wenige einzuquartieren.

Wenn du merkst, dass der Haussegen schief hängt, solltest du jedes Stockwerk separat begutachten. Selten bekommen die Dicken mit den Bewohnern im Obergeschoss Stress. Warum auch, die sind ja weit genug entfernt.
Beschwerden kann es jedoch geben, wenn zum Beispiel oben links immer deutlich mehr Betrieb ist als rechts. Die Situation entspannt sich jedoch in der Regel schnell, wenn einfach einer nach rechts umzieht.

Für deinen Mix bedeutet das: Überlege dir für jedes Instrument, wo du es in deinem Klanghaus platzieren kannst. Die Stereomitte ist den wichtigsten Instrumenten vorbehalten. Alles andere bittest du mit dem Panoramaregler nach rechts oder links.
Mit dem Klangregler schaffst du ausreichend Platz für die einzelnen Instrumente und kannst gegebenenfalls auch den Umzug in ein anderes Stockwerk erzwingen oder eine Maisonette verhindern. Dem Architekturneuling sei gesagt, dass eine Maisonette eine Wohnung über zwei Stockwerke ist.
Mit Hall und Echo kannst du einzelne Klänge größer oder kleiner machen und auch in den Hintergrund verschieben. Je mehr sich in deinem Gebäude aufhalten, desto notwendiger wird diese Extraportion Räumlichkeit. Auch wenn räumliche Tiefe in der Stereofonie letztlich immer eine Illusion ist, erleichtert sie das Zusammenleben von Instrumenten und Stimmen enorm.
Signalprozessoren, die komprimieren, sättigen oder modulieren, schaffen unikate Klangfarben für mehr Auffälligkeit und Durchsetzungsvermögen. Die meisten Hausbewohner freuen sich außerordentlich über diese Beweise deiner Aufmerksamkeit.

Es gibt fast immer mehrere Möglichkeiten, die sich auszuprobieren lohnen. Nur so entwickelst du mit der Zeit ein sicheres Gespür fürs richtige Platzieren der Hausbewohner.
Regelrecht einfach wird es beim Abmischen, wenn der „Gebäudeplan“ beim Arrangieren und Produzieren schon im Hinterkopf ist. So kannst du allen schon vor dem Einzug die Hausordnung erklären.

Autor

Jochen Sachse
Jochen Sachse
Jochen Sachse kann auf eine über 35-jährige Berufserfahrung als professioneller Audio-Engineer zurückblicken und ist Geschäftsführer der HOFA GmbH. Seine Arbeit für nationale und internationale Künstler macht ihn und die HOFA-Studios zu einer der ersten Adressen Deutschlands, wenn es um professionelle Aufnahmen, Mix oder Mastering geht. Seit 2005 unterrichtet er Tontechnik am HOFA-College.

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