Fernschule für Tontechnik & Musikproduktion

Ohren auf beim Mixdown!

Das bewusste Hören und Analysieren von Mischungen hilft dir, deine Produktionen zu verbessern und dein Gehör zu schulen. Tutor & Audio Engineer Simon Götz hat am HOFA-College bereits über 1.500 Mixes von Studierenden analysiert und gibt seine Erfahrungen im Interview mit der Fachzeitschrift KEYS weiter.

KEYS: Der US-amerikanische Engineer Andrew Scheps sagt über seine Herangehensweise an einen Mix: „Ich drücke auf Play und reagiere auf das, was ich höre. Ich habe keinen Entscheidungsprozess. Ich höre einfach hin.“ Ich vermute, am HOFA-College verfolgt ihr einen systematischeren Ansatz?

Simon Götz: Die Herangehensweise von Andrew Scheps basiert stark auf Intuition und Gefühl und weniger auf technischen Details oder einer To-Do-Liste. Auch wenn jeder einen etwas anderen Ansatz verfolgt, wird der Mix immer am Ergebnis gemessen, weniger an der Umsetzung. Daher zeigen wir am HOFA-College einige Techniken und Standards, mit denen man unserer Meinung nach gut von A nach B kommt, beziehungsweise beim Recording, Editing, Mixing oder Mastering vorgehen kann. Letztendlich bleibt aber genug Freiraum, seinen Weg selbst zu gehen, einen eigenen Workflow zu entwickeln, zu erweitern oder zu hinterfragen – und auch mal unkonventionelle Entscheidungen zu treffen. Bevor man tief in die Materie eintaucht und seinen eigenen Workflow und Ansatz findet, macht es jedoch Sinn, einige Grundlagen zu festigen. Auch wenn viele unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim Mixing bereits intuitiv richtig handeln, ist das rein technische Verständnis noch nicht sehr ausgeprägt. Wir versuchen in diesem Rahmen das Verständnis für die Funktionsweise beispielsweise von verschiedenen Filtertypen, Kompressoren und damit verbundenen Parametern zu erläutern und zu festigen.

KEYS: Inwiefern lässt sich das Gehör hinsichtlich der Einschätzung eines Mixes trainieren?

Simon Götz: Ein guter Ansatz ist das Arbeiten mit Referenzen beziehungsweise Songs und Produktionen, die man selbst gut kennt und schätzt oder die als allgemein gute Referenz bekannt sind. Im Laufe der Zeit haben sich hier einige Klassiker etabliert, die als Referenz für einen soliden Frequenzgang, eine stimmige Tiefenstaffelung oder einen genretypischen Vocal- oder Snare-Sound dienen können. Analytisches Hören setzt neben Erfahrung auch den Umgang mit der Materie voraus. Auf Basis einer Produktion kann man sicher nie zu 100 Prozent sagen, wie der Song gemischt wurde, allerdings lassen sich viele Faktoren feststellen. Falls bestimmte Frequenzen zu stark betont sind, macht sich das oft im Gesamtergebnis bemerkbar. Das reicht vom vielleicht zu basslastigen Grundtonbereich einer Kickdrum bis hin zu scharfen Sibilanten – den S-Lauten – einer Gesangsstimme. Wenn zu stark komprimiert wurde, macht sich das etwa durch einen pumpenden Sound oder hörbare Artefakte bemerkbar. Falls eine Instrumentengruppe wie beispielsweise die Drums oder Gitarren zu laut hervorstechen, so ist die Hierarchie im Mix nicht optimal gewählt, was sowohl auf die Lautstärkeverhältnisse, aber auch die räumliche Aufteilung der Elemente im Mix zurückgehen kann. Zu viel oder zu wenig Hall kann dafür sorgen, dass sich eine Gesangsstimme nicht optimal mit den Instrumenten beziehungsweise dem Beat verbindet und isoliert steht.

Regelmäßige Studio-Workshops und Mixanalysen gehören zum Arbeitsalltag von Simon Götz

KEYS: Einen Mix zu beurteilen, ist letztlich auch eine sehr subjektive Sache, kurz: eine Geschmacksfrage. Welche objektiven Kriterien kann man dennoch ansetzen?

Simon Götz: Es gibt schon eine Art Leitfaden, der bei einer objektiven Beurteilung hilfreich sein kann. Dabei spielt der erste, ganz allgemeine Eindruck eine wichtige Rolle. Hier wird entschieden, ob der Mix prinzipiell funktioniert oder ob irgendwelche groben Schnitzer zu erkennen sind. Falls der Song etwa abrupt endet, Einzelspuren verschoben sind, die Samplerate nicht passt oder gar Verzerrungen hörbar sind, kann das eine vermeintlich gute Produktion in ein schlechtes Licht rücken. Daher ist der technische Hintergrund ebenso relevant wie der künstlerisch-kreative Ansatz. Eine passende Tiefenstaffelung nützt leider wenig, wenn ein konstantes Clipping zu hören ist oder der Limiter durchweg alle Transienten der Drums angreift. Nach diesem allgemeinen Eindruck folgen in der Regel Beurteilungen zu den Pegelverhältnissen und zur Verteilung der Elemente im Stereopanorama. Weiterhin wird geprüft, ob der Frequenzgang der Mischung den Anforderungen oder Standards des Genres gerecht wird und wie es mit der Dynamikbearbeitung aussieht. Erst dann folgt der kreative Teil, wie beispielsweise der gewählte Effekteinsatz bei Instrumenten, Instrumentengruppen, Gesangsstimmen et cetera. Dieser reicht vom klassischen Hall bis hin zu Delay, Modulation, Saturation oder bewusst gesetzten Filtern wie etwa beim sogenannten Telefon-Effekt.

KEYS: Welche Tools und Tricks können einem bei der Mix-Analyse helfen?

Simon Götz: Neben sehr guten und möglichst linearen Studiomonitoren setzen wir bei der Beurteilung gerne auch auf gute Studiokopfhörer. Gerade Artefakte, die etwa durch zu viel Kompression oder Schnittfehler entstehen, können damit festgestellt werden.
Neben dem reinen Hören kommen auch Tools wie Analyzer zum Einsatz. Der HOFA IQ-Series Analyser hat sich seit vielen Jahren als nützliches Werkzeug zur Beurteilung des Frequenzgangs etabliert. Ebenso ist damit eine Messung der Lautheit nach bekannten Normen und Standards möglich sowie die Bestimmung des Korrelationsgrads, auch im Hinblick auf die Frequenzverteilung im Stereobild. Auf dieser Basis kann festgestellt werden, welchen LUFS- oder RMS-Wert ein Mix hat und ob er auch beim Abhören in Mono funktionieren würde.

Beurteilung des Mixes mithilfe eines Frequenzanalyse-Tools (z. B. HOFA IQ-Series Analyser)

KEYS: Wie gestaltet sich am HOFA-College die Kommunikation zwischen Tutor und Kursteilnehmer?

Simon Götz: Jede Analyse wird von zwei Tutoren durchgeführt. Dadurch versuchen wir, Objektivität zu gewährleisten, sodass die finale Beurteilung immer auf zwei Meinungen beruht. Falls Fragen aufkommen, so kann die Teilnehmerin oder der Teilnehmer mit den Tutoren in Kontakt treten. Das wird auch gerne genutzt und hilft, die genannten Lob- und Kritikpunkte der Mixanalyse besser zu verstehen. Ganz unabhängig von unseren angebotenen Mixanalysen bieten wir Support für alle College-Teilnehmer an. Unsere Tutoren stehen dabei telefonisch, per Live-Chat oder E-Mail zur Verfügung. Jeder Tutor hat einige Schwerpunkte, sodass wir für alle Fragen einen passenden Ansprechpartner zur Verfügung stellen können.

KEYS: Auf welche Faktoren sollte man bei der Analyse eines Mixes besonders achten?

Simon Götz: An erster Stelle steht der allgemeine Eindruck, der in der Regel immer auf die Pegelverhältnisse und die Verteilung der Signale im Stereopanorama zurückgeht. Bearbeitungen durch EQ, Kompressor oder Halleffekte sind zweitrangig und dienen in erster Linie der „Optimierung“ der Signale. Daher ist es wichtig, dass die Ausgangslage stimmig ist und Sinn ergibt. Jeder Mix steht und fällt mit diesen einfachen, aber essenziell wichtigen Entscheidungsschritten. Erst dann kann man tiefer in die Trickkiste greifen und die vorliegenden Signale verbessern. Weiterhin sollte ein gewisser Fokus auf den wichtigsten Elementen des Songs liegen. Bei einem Heavy-Metal-Song sollte auf druckvolle Drums und knackige Transienten geachtet werden. Wenn das Drumkit hier wie bei einer Jazz-Produktion klingt, würde das im Rahmen des Genres keinen Sinn ergeben. Auch die Rolle der Gesangstimmen im Mix ist ein wichtiger Faktor. Dabei geht es beispielsweise um eine gute Sprachverständlichkeit und die Einbettung in den Mix. Ein zu starkes De-Essing sorgt dafür, dass der Sänger beziehungsweise die Sängerin lispelt und manche Wörter undeutlich erscheinen.

KEYS: Euer Konzept ist es, eingereichte Mischungen eurer Kursteilnehmer zu analysieren. Dafür stellt ihr auch die Einzelspuren von Studio-Produktionen zur Verfügung. Was können eure Teilnehmerinnen und Teilnehmer von diesen Mixanalysen lernen?

Simon Götz: Jede Mixanalyse thematisiert die Stärken und Schwächen der jeweiligen Mischung/Produktion. Dadurch erhalten die Teilnehmer wertvolles und individuelles Feedback, sodass eine positive Entwicklung stattfinden kann. Wenn wir feststellen, dass die eingereichten Mischungen nach einigen Mixanalysen immer noch einen eher schwachen Bassbereich oder eine zu starke Kompression der Gesangsstimme aufweisen, versuchen wir die Hintergründe zu thematisieren und Lösungsansätze zu zeigen. Nicht selten kommt es vor, dass die Abhörsituation zu Hause aus akustischer Sicht nicht optimal ist und die Teilnehmer gar nicht merken, dass sie zu viel oder zu wenig Bass mischen, da sich der Song auf dem eigenen Setup ganz gut anhört, aber die professionelle Referenz fehlt. Jede Mixanalyse beinhaltet eine Referenzmischung. Diese gleicht nicht einer Musterlösung, sondern dient lediglich als mögliche Referenz, wie man den Song unter professionellen Aspekten mischen kann. Zur Referenzmischung gibt es dann auch eine ausführliche Mixdokumentation, die aufzeigt, wie der Song gemischt wurde, welche Plug-ins und Tools wie und wann zum Einsatz gekommen sind.

In seiner Freizeit spielt HOFA-Tutor Simon Götz in verschiedenen Bands als Schlagzeuger oder Keyboarder

KEYS: Gibt es persönliche Erfahrungen, die dir dabei geholfen haben, Mischungen besser zu analysieren?

Simon Götz: Tatsächlich sind die Interaktion und das Miteinander mit meinen HOFA-Kollegen, aber auch Musikern im privaten Umfeld wichtige Faktoren. Ich erinnere mich noch gut, wie mir ein HOFA-Kollege das erste Mal etwas von Billie Eilish gezeigt hat. Das war der Titel „Bury a Friend“ ihres ersten Albums. Wir hatten damals alle große Augen und Ohren, da der Bassbereich dieser Mischung sehr stark ausgeprägt ist, was für den Song jedoch gut funktioniert. Durch die Mixanalysen am HOFA-College und das damit verbundene analytische Hören hat sich auch mein Bewusstsein für Musik verändert. Gerade dann, wenn eine Produktion ansteht, überlege ich bereits bei der Instrumentierung und beim Arrangement, wie sich das auf den finalen Mix auswirken kann. Es hat zum Beispiel Vorteile, wenn nicht jeder Musiker immer und alles spielt, sondern eine Aufteilung der einzelnen Stimmen erfolgt. Auf diese Weise gibt es weniger Überlagerungen von Frequenzen, wodurch der Mix transparenter und vielleicht auch interessanter wirkt.

Die Fernkurse von HOFA-College sind genau richtig für dich, wenn du dich in Tontechnik & Musikproduktion weiterbilden und bessere Ergebnisse in den Bereichen Producing, Recording, Mixing und Mastering erzielen möchtest. Hoher Praxisanteil, regelmäßiges Feedback zu deinen Produktionen, Support durch Studio-Profis und umfangreiches Theoriematerial bringen dich schnell ans Ziel.

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Autor

Philipp Siebler
Philipp Siebler

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