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Blockchain & NFTs – Ist Musik jetzt wieder etwas wert?

Die Musikindustrie hat in den letzten Jahrzehnten durch den stetigen Rückgang physischer Tonträgerverkäufe einen starken Wandel erlebt und die Einkommensströme von Künstler*innen, Labels und auch Audio Engineers haben sich stark verändert. Wurden die Umsätze vor nicht allzu langer Zeit noch primär durch Plattenverkäufe und Live-Konzerte erzielt, sind heutzutage meist mehrere, kleinere Einkommensströme notwendig, um von der Kunst leben zu können. Neben Streaming-Einnahmen, Merchandise, GEMA-Tantiemen, Konzert-Gagen und Co. ist vor allem der direkte Weg zwischen Musiker*in und Fan angesagter als je zuvor – Patreon, Bandcamp, Ko-fi, Crowdfunding und Markenkooperationen sind nur einige Plattformen und Stichworte, die für Musikschaffende an Bedeutung gewonnen haben. Und wer sich die Entwicklungen zahlenmäßig anschaut, stellt fest: Einige Fans sind durchaus gewillt, ihre Lieblingsmusiker*in auch finanziell zu unterstützen, es fehlt nur häufig am Angebot. Wer sich diese sog. „Super-Fans“ sichern kann, kann sich als Content Creator über ein erstaunlich zuverlässiges Einkommen freuen. Dieser Artikel beleuchtet eine weitere Möglichkeit, einen direkten Handel mit „Super-Fans“ aufzubauen.

Im Zusammenhang mit der wachsenden Popularität von Kryptowährungen und Blockchain-Verfahren im Allgemeinen hat in letzter Zeit ein neues Vertriebskonzept für Musik für Furore gesorgt: NFTs! Die Durchschlagskraft der Schlagzeilen ist vor allem auf die hohen Geldsummen zurückzuführen, die einzelne Künstler*innen (u. a. Tory Lanez, Deadmau5, Grimes oder Kings Of Leon) mit diesem Format auf einschlägigen Auktionsportalen erzielen konnten. Gekauft haben wohlhabende Fans und Investor*innen, die auf einen Wertzuwachs hoffen oder einfach nur Musikschaffende unterstützen möchten.

Was sind eigentlich NFTs?

NFT steht für „Non-Fungible Token“ (etwa „nicht ersetzbares Zeichen“). NFTs stellen also einzigartige Güter dar. Sie unterscheiden sich von „Fungible Token“ in erster Linie dadurch, dass ihnen ein individueller Wert zukommt. Es handelt sich also nicht um eine Währungseinheit, die für sich genommen austauschbar ist und lediglich einen allgemeinen Kurswert besitzt (es ist egal, welchen Bitcoin oder welchen Euro man besitzt, nur die Menge zählt), sondern um ein einzigartiges Objekt. Ein NFT kann im Grunde alles darstellen, was einen individuellen Wert besitzt, z.B. physische Besitztümer oder eben auch digitale Kunstwerke.

Die Anwendung der Blockchain-Technologie ermöglicht es also, auch digitalen Gütern wie beispielsweise Songs einen Besitzer zuzuordnen. Damit können digitale genau wie physische Kunstwerke an Sammlerbörsen und Kunstauktionen gehandelt werden. So wie Kunstdrucke und Kopien von der Mona Lisa hergestellt werden können, kann auch ein durch NFT gehandeltes, digitales Werk problemlos kopiert werden. Der Besitzstand bleibt jedoch immer eindeutig in der Blockchain gespeichert. Es handelt sich also mehr um ein Besitzzertifikat als um ein tatsächliches Unikat.

Vereinfacht gesagt kommt dafür eine Kette an Informationen zum Einsatz (die sog. „Blockchain“); diese ist komplett zurückverfolgbar und enthält die Informationen jeder vergangenen Transaktion der Kette. Dadurch ist jederzeit nachvollziehbar, in wessen Besitz das NFT im Moment ist. Da jede Blockchain im Transaktions-Netzwerk hundertfach als Kopie vorliegt, ist sie sehr fälschungssicher, weil dafür zeitgleich alle Kopien verändert werden müssten.

NFT-Handelsplattform “OpenSea”

Smart Contracts

Es gibt die Möglichkeit, sog. Smart Contracts in die Blockchain einzubinden und damit gewisse Bedingungen an den NFT-Verkauf zu binden. Ein Smart Contract ist im Grunde nichts anderes als ein Vertrag, der in Code festgehalten und dadurch unmissverständlich und bindend ist. Tritt ein im Vertrag geregelter Fall ein, wird automatisch die entsprechende Konsequenz erfüllt, keine weitere Kommunikation ist nötig.

Hier kommt ein besonders spannender Einsatzzweck zum Tragen, der auch in der physischen Kunstwelt bislang in dieser Form nicht umsetzbar war: Smart Contracts erlauben es nämlich, dass Urheber*innen auch beim Weiterverkauf ihrer NFTs beteiligt werden – der Vertrag ist Teil des NFTs und wird vollautomatisch ausgeführt, es gibt also keinen Weg, Urheber*innen um ihren Anteil zu prellen. Ein sinniges Modell; schließlich arbeiten Künstler*innen aktiv am Wertzuwachs ihrer Marke und damit auch ihrer früheren Werke, warum sollten sie nicht mitverdienen?

Kritikpunkte

Wie die meisten gängigen Blockchain-Technologien ist auch die Transaktion von NFTs mit einem sehr hohen Rechenaufwand und damit Stromverbrauch verbunden. Der Handel von NFTs und Kryptowährungen ist also alles andere als klimaneutral oder ökologisch. Da der hohe Energieverbrauch vor allem durch das Konsensmodell entsteht, das verwendet wird, um die Blockchain zu bilden („Proof-of-Work“), ist dieser Umstand aber nicht unumstößlich, es gibt nämlich grundsätzlich auch ökologischere Konsensmodelle, die zum Einsatz kommen könnten.

NFTs können bislang nur gegen bestimmte Kryptowährungen (hauptsächlich Ethereum) und auf entsprechenden Plattformen (z. B. Rarible oder OpenSea) gehandelt werden. Sowohl Käufer*in als auch Verkäufer*in benötigen also ein entsprechendes Wallet, um am NFT-Markt teilnehmen zu können.

Sind NFTs die Zukunft?

Hierzu gibt es mit Sicherheit unterschiedliche Meinungen und ich maße mir nicht an, eine abschließende und umfängliche Beurteilung der Materie machen zu können. Daher folgt nur meine eigene, subjektive und momentane Einschätzung der Situation: Ich empfinde es gewissermaßen als gesellschaftlichen Fortschritt, dass Musikstücke auch in digitaler Form auf Auktionsplattformen einen Sammlerwert erreichen können und finde es grundsätzlich auch völlig legitim, wenn sich in diesem Sektor Investoren und Spekulanten einbringen. Vor allem die Möglichkeit für Urheber*innen, sich durch Smart Contracts am Wertzuwachs beteiligen zu lassen, ist meines Erachtens eine tolle und auch sehr faire Angelegenheit.

Für mich ist allerdings fraglich, ob die Blockchain-Technologie hier einen einzigartigen Vorteil bietet. Da es sich nicht um tatsächliche Unikate handelt, könnte ein Musiker oder eine Künstlerin auch klassische Besitzzertifikate ausstellen. Diese könnten z.B. auch in physischer Form als Merchandise gehandelt oder versteigert werden.

Die größten Probleme von NFTs sind meiner Meinung nach derzeit (noch?) der enorme Energieverbrauch und die Beschränkung auf den Kryptomarkt. Dies schließt „krypto-ferne“ Fans aus, könnte aber auch konservativere Investoren abschrecken. Sowohl die ökologischen Nachteile als auch die Beschränkung auf den Direkthandel gegen Kryptowährungen können sich aber eventuell noch ändern und das sollten sie meiner Meinung nach auch, wenn der Handel mit NFTs mehr als nur ein kurzfristiger Hype sein möchte.

Die Möglichkeit, Urheber*innen unkompliziert am Wertzuwachs ihrer Werke zu beteiligen, halte ich jedoch für eine kleine Revolution. Die Idee ist großartig und lässt sich toll mit Smart Contracts direkt im NFT implementieren. Auch hier ist das Spannende jedoch eher die Idee als die spezifische Technologie; also ist es nicht auszuschließen, ähnliche Modelle auch auf anderen Wegen im Musikmarkt zu implementieren. Dennoch werden Smart Contracts durch ihre automatische Erfüllung stets eine der sichersten und verlässlichsten Möglichkeiten bleiben, einen Vertrag abzuschließen.

Was sind deine Gedanken zu NFTs? Glaubst du an eine weitere, relevante Einnahmequelle für Musiker*innen? Hast du schon eigene Erfahrungen mit dem Handel von NFTs gemacht? Lass uns auf dem Forum diskutieren und austauschen!

Autor

Christoph Thiers
Christoph Thiers
Christoph Thiers ist seit über 15 Jahren in der Musikbranche tätig und hat hunderte Produktionen verschiedenster Genres als Recording, Mixing und Mastering Engineer begleitet. Zu seiner breit gefächerten Vita zählen Künstler wie Die Fantastischen Vier, Sarah Connor, Birdy, Nathan Evans, RAF Camora und Boris Brejcha, sowie zahlreiche Auszeichnungen und Chartplatzierungen. Neben Musikproduktion und Studio Management beschäftigt er sich u.a. mit neuen Medienformaten und Artist Development, berät Indie Labels, Künstler und Startups und war an mehreren Software Entwicklungen für die professionelle Musikproduktion beteiligt. In den letzten Jahren hat sich Christoph verstärkt auf immersive Musikproduktion spezialisiert und betreut u.a. Dolby Atmos Mixes für internationale Labelkunden und namhafte Indie Artists.

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